FAS verliert die Kontrolle

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung titelt heute im Wirtschaftsteil „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Die Überschrift stellt eine Verbindung zwischen der Halbstarken-Ikone James Dean, dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis und seinem Ministerpräsidenten Alexis Tsipras her. Unabhängig davon, ob man die Gleichsetzung für ein angemessenes Stilmittel hält, nutzen die Verfasser Bollmann und Nienhaus optische Tricks, um den alarmistischen Tenor ihres Stücks zusätzlich zu verstärken:

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Inhaltlich kann man darüber streiten, ob mehr Kredite und höhere Target-Salden einen Kontrollverlust der griechischen Regierung bedeuten. Bislang scheinen Tsipras und Varoufakis mit ihrer Taktik eher die Troika zu kontrollieren, als umgekehrt.

Zwei handwerkliche Fehler aber sind offenkundig. Der erste fällt in die Kategorie „Äpfel & Birnen“: Das rechte und linke Diagramm beschreiben den Zeitraum vom September 2014 bis Januar 2015 – also fünf Monate. Das mittlere Chart hingegen zeichnet die Entwicklung der ELA-Kredite für die vier Wochen(!) vom Februar bis März 2015 nach. Auf welche Phase bezieht sich denn nun der Kontrollverlust Griechenlands? Die Betrachtungszeiträume überlappen sich noch nicht einmal!

Subtiler und von seiner manipulativen Wirkung her bedeutsamer ist jedoch der zweite „Fehler“ – die Anführungszeichen sind bewusst gewählt, geht es doch vordergründig „nur“ um eine darstellerische Variante. Bei näherer Betrachtung fällt nämlich auf, dass die Achse, auf der die Spareinlagen abgetragen sind, unten bei 140 Milliarden Euro abgeschnitten ist: Dadurch wird die Entwicklung der über fast ein halbes Jahr lediglich leicht sinkenden Sparguthaben (-10%) optisch dramatisiert; der Betrachter hat den Eindruck, dass nahezu die kompletten Einlagen abgezogen seien. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, die Skalierung (und die Botschaft) der Realität anzupassen:

griechen_vertrauen_ihren_banken

Wieso machen sich Bollmann und Nienhaus nun diese verfälschenden Darstellungen zunutze? Vermutlich, weil sie so schön zur Story passen, wonach Griechenland die Kontrolle verliere. Das ist unseriös und – wenn man das Umfeld der populistisch überhitzten Debatte betrachtet – geradezu unverantwortlich.

Update:

Der Editor-in-Chief Mathias Blumencron hat immer noch nicht verstanden, dass seine Mitarbeiter in ihrer Darstellung schlicht manipulieren. Da ist keine Dynamik bei den Abflüssen, nirgends!

Update II:

Laut Nondas Nicolaides, einem hochrangigen Manager der Rating-Agentur Moody’s, hat der Abfluss von Kundengeldern seit dem 20.Februar sogar nachgelassen.

Update III:

Bei den Target-Verbindlichkeiten ist der Effekt zwar nicht ganz so „entdramatisierend“, immerhin haben sich die Außenstände mehr als verdoppelt. Aber der Verzicht auf ein Abschneiden der Achse und den „dynamischen“ Pfeil entfalten auch hier ihre Wirkung:

targetsalden

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13 Kommentare zu „FAS verliert die Kontrolle

  1. Im Wirtschafts- und Politikteil war die „Frankfurter“ doch schon immer, na, wie soll ich’s höflich sagen, …auf einer bestimmten Seite. Und das war und ist nicht die Seite derjenigen, die letzlich immer zahlen und bluten müssen.

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    1. Ich glaube nicht, dass das etwas mit Parteinahme zu tun hat. Eher schon mit der Boulevardisierung, soll heißen: Jagd nach maximaler Aufmerksamkeit.
      Der Nebeneffekt (Desavouierung der Betroffenen) ist unabhängig davon unappetitlich.

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    1. Habe ich eben als Update nachgetragen. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass die Target-Salden bereits in der Vergangenheit tief im negativen dreistelligen Bereich standen, wird die Deutung durch Nienhaus und Bollmann erst recht zweifelhaft.

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  2. Da die Skalenwerte im Diagramm angezeigt werden, sehe ich keine Probleme. Wer natürlich nur auf die Linien achtet und den Rest ausblendet, ist selbst schuld.

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    1. Die Darstellung der Skalenwerte an sich ist nicht das „Problem“, sondern die Skandalisierung. Es ist meiner Meinung nach nicht die Aufgabe des Lesers, die Produkte von Journalisten auf Richtigkeit oder (subtile) Tendenz hin zu analysieren. Und wenn dann noch mit den betrachteten Zeiträumen getrickst wird, verliere ich eh den Glauben daran, dass hier unabsichtlich Dinge „hingedreht“ wurden.

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  3. @ Gerd: Doch, es ist ein Problem, weil diese Darstellung suggestiv ist. Eine ehrliche Grafik würde zumindest auf der senkrechten Achse ein „Zickzack“ einbauen, um darauf hinzuweisen, dass die Achse nicht vollständig in den Platz hineinpasst. So wird man den Verdacht nicht los, dass die Unaufmerksamkeit der Leserinnen und Leser einkalkuliert wurde.

    Auch wäre ein Vergleich mit anderen Ländern der Eurozone oder der OECD sinnvoll.

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  4. Es ist leider eine verbreitete Unsitte, bei Digrammen in der Presse oder auch im Fernsehen den Nullpunkt abzuschneiden und so den Eindruck von Dramatik zu erzeugen. Wer das Prizip versteht, kann das zwar verstandesmäßig korrigieren, aber der Eindruck des Bildes ist nun mal prägnanter.

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    1. Es ist kein „Verbrechen“, die Achse abzuschneiden, um Entwicklungen deutlicher herausstellen zu können. Wenn allerdings falsche Behauptungen („Den griechischen Banken laufen die Kunden weg!“) damit unterfüttert werden, ist die Grenze zur Manipulation überschritten.

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  5. Das Abschneiden von Achsen ist leider auch in Unternehmenspräsentationen sehr beliebt, teilweise sogar in Darstellungen von Professoren. Macht man darauf aufmerksam heißt es: „Man sieht doch sonst nichst.“ Eben!

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