Zum Dahinschmelzen

ihrgeldschmilzt

Die Deutsche Bank-Tochter DWS legt das Geld ihrer Kunden an den Kapitalmärkten an. Derzeit bewirbt sie in verschiedenen Zeitungen die einprägsame URL www.dws.de/ihrgeldschmilzt.

Die Ängste schürenden Botschaften, mit denen die Deutschbanker durch die Anlegerlandschaft ziehen, lauten:

2 Billionen Euro…

  • …liegen quasi unverzinst auf Sparbüchern, Tagesgeld-, Giro- und Festgeldkonten herum,
  • …verlieren deshalb an Wert,
  • …wären besser beispielsweise im Dachfonds DWS Multi Opportunities angelegt.

Um zu verstehen, auf wie vielen Ebenen diese Kampagne fragwürdig ist, muss man sich die Daten und Fakten genauer anschauen.

An erster Stelle steht dabei die Frage nach den genannten 2 Billionen. Ist das überhaupt die „richtige“ Zahl?  Sprechen wir überhaupt über die „richtige“ Kategorie? Ich bezweifle das stark. Viele nutzen die genannten Anlagen vor allem, um ein finanzielles Polster vorzuhalten oder kurz- bis mittelfristig anzusparen. In aller Regel sind das Mittel, die relativ bald ausgegeben werden sollen. Mit Sicherheit aber dienen sie nicht der Altersvorsorge.

Den Wertverlust begründen die Anlage-Profis von der Deutschen Bank mit dem negativen Realzins – „risikofreie“ Zinsen abzüglich der Inflation liegen aktuell bei ungefähr 0,3%.

Perfide wird aber erst die Verbindung der beiden Argumente zur Kaufempfehlung für den DWS Multi Opportunities. Der ist nämlich vor allem ein Vehikel. Knapp die Hälfte (48%) der gehaltenen Wertpapiere sind laut Jahresbericht Produkte der – tadaa! – DWS. Darunter die Zielfonds DWS Concept Kaldemorgen, DWS Global Growth, DWS Rendite Optima Four Seasons,…

Das hat genau zwei Effekte: Einerseits fallen laufende Gebühren zugunsten der DWS gleich doppelt an (auf Ebene des Dachfonds und auf Ebene der gehaltenen Fondsanteile), dazu kommen Einmalkosten wie Ausgabeaufschläge. Andererseits wird das werbewirksame Fondsvolumen der Zielfonds aufgebläht.

(Und da ist das Argument, dass aktiv gesteuerte Fonds langfristig schlechter abschneiden als die deutlich günstigeren ETFs noch nicht einmal angeschnitten…)

Lausige Rechenkünste bei der Deutschen Bank

File photo of a statue in front of the former headquarters of Germany's largest business bank, Deutsche Bank in Frankfurt, January 28, 2013. Deutsche Bank, plans to shrink its balance sheet substantially over the next two and a half years to comply with new rules to make banks more crisis-resistant, sources familiar with the bank said July 22, 2013. REUTERS/Kai Pfaffenbach/Files (GERMANY - Tags: BUSINESS)

Zur Lockerung und als mentale Aufwärmübung zunächst eine kleine Denksportaufgabe:

Eine Seerose verdoppelt sich jeden Tag. Am zehnten Tag bedeckt sie die Oberfläche eines Teichs vollständig.

Frage: Wann war die Hälfte erreicht?

Antwort: Die Intuition legt nahe, aus der linearen Entwicklung der Zeit eine proportionale Entwicklung der Seerose abzuleiten. Spontan würden viele spontan fünf Tage als Lösung anbieten. Jedoch bedeckte die Seerose am zehnten Tag den Teich zu 100%, tags zuvor — sie verdoppelt sich ja täglich! — waren dies dementsprechend 50%.

John Cryan ist Chef der Deutschen Bank. Laut Wikipedia begann er seine Karriere als Mitarbeiter von Arthur Andersen, einer bis zum ENRON-Skandal führenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. In diesem ersten Job ging es im Wesentlichen um zwei Dinge: festzustellen, ob das geprüfte Unternehmen vollständig und zutreffend über seine wirtschaftlichen Verhältnisse berichtet.

Warum ich diesen Exkurs zu John Cryans beruflichem Werdegang voranstelle? Weil er in einer bemerkenswerten Pressekonferenz eine bemerkenswerte Bemerkung gemacht hat:

„A figure that worries me is that 35 percent of our entire hardware has come close to the end of its lifecycle or is already beyond that,“ (Quelle: FierceFinanceIT)

Ähnlich wie im Eingangsbeispiel, muss man zur „Lösung“ des Problems um die Ecke denken, gedanklich einen Schritt zurücktreten. John Cryan — oder zumindest sein für Finanzen zuständiger Vorstandskollege  Dr. Marcus Schenck — sollte wissen, dass Hardware bei der Deutschen Bank nach der Bilanzierungsregel IAS 16 über die Nutzungsdauer abgeschrieben wird. Diese Dauer liegt  bei der Deutschen Bank zwischen drei und zehn Jahren.

Wenn man nun davon ausgeht, dass die kurzlebige Computer-Hardware über drei Jahre abgeschrieben wird, befindet sich bei regelmäßiger Erneuerung jeweils ein Drittel des Geräteparks im Alter von einem, zwei und drei Jahren. Der Anteil im dritten „Lebensjahr“ liegt mit 33,3% also zwingend und vollkommen nachvollziehbar ziemlich exakt bei den von Cryan als „lausig“ beschimpften 35%.

Man kann nur hoffen, dass die Entscheidungsträger der Deutschen Bank ansonsten bessere Rechner sind.

Alter Wein in schwierig zu öffnenden Schläuchen

House-Under-WaterMenschen werden von ihren Erwartungen getrieben, Wünsche und Hoffnungen sind Grundlage unserer Entscheidungen. Größter Wunsch – genau genommen sogar: ein Grundbedürfnis – ist ein Dach über dem Kopf.

Und weil die Zinsen so niedrig sind, wollen viele dieses Dach nebst Wänden und optionaler Unterkellerung lieber heute als morgen kaufen.

Wo aber steigende Nachfrage auf konstantes oder gar schrumpfendes Angebot trifft, drohen Überhitzung, überhöhte Preise, kurz: eine Blase!

Die Beruhigungspille kam diese Woche vom IW. Angst vor einer Preisblase müsse man nicht haben, ganz im Gegenteil:

Kaufen macht fast überall noch Sinn

Eine der Kernaussagen der kölschen Studie lautet grob vereinfacht, dass es keinen Anlass zur Sorge gäbe, gängige fundamentale Bewertungskennzahlen wie Preis-Miet-Verhältnis und Preis-Einkommens-Verhältnis hätten ohnehin ausgedient. Denn, so die Autoren Michael Schier und Michael Voigtländer, diese Kennzahlen vernachlässigten den Zins als „ganz entscheidenden Faktor der Nachfrage“.

Im Ergebnis sprechen die beiden dem schlichten Quotienten aus Preis einer Immobilie und der Miete die Aussagekraft ab, wenn es um die Prognose einer drohenden Preiskorrektur geht. Stattdessen muss eine komplexe, mathematisch elegante und typographisch wunderschöne Formel her, um die Kalkulationsbasis für die Entscheidungsfindung zu ermitteln:

SNKti = (1+gti) * Pti * (bø * iF,t+ [1 – bø] * iA,t * [1 – tt] + s + a – ∆Pt)

Die jährlichen Kosten der Selbstnutzung in Periode t (SNKti) werden zunächst einmal durch den Kaufpreis Pti und die Grunderwerbsteuer gti in t bestimmt. Dieser Kaufpreis wird mit dem Anteil bø mit Fremdkapital und mit dem Anteil (1–bø) mit Eigenkapital finanziert, wobei sich das Fremdkapital mit dem Zinssatz iF,t verzinst und für das Eigenkapital entgangene Zinsen in Höhe eines alternativen Zinssatzes iA,t angesetzt werden.(..) tl;dr

An dieser Stelle frage ich mich als beratungsresistenter und rechenfauler potentieller Häuslebauer: Muss ich wirklich finanzmathematische Höhenflüge nachvollziehen, um mein Risiko einigermaßen vernünftig bewerten zu können?

Nein. Natürlich nicht. Der Grund dafür ist eine recht banale Tatsache, die im Ökonomiestudium zur Grundausbildung gehört: Ein Preis spiegelt Erwartungen an die Zukunft. Und diese Erwartungen enthalten eben auch die Entwicklung des Zinsniveaus. Glauben die Verfasser der Studie tatsächlich, Käufer und Verkäufer einigten sich auf einen Preis, ohne sich Gedanken über Finanzierungskosten beziehungsweise -erträge zu machen?

Preise und Mieten sind letztlich zwei Seiten der selben Medaille: Ersteres ist die Einmalzahlung für eine Immobilie, letzteres die monatliche Nutzungsgebühr. Ändert sich nun die Relation zwischen beiden, ist das ein eindeutiges Signal. Steigen die Preise stärker als die Mieten, werden mehr Menschen Mietwohnungen suchen. Umgekehrt wird der Kauf der Miete vorgezogen, wenn die Belastung durch Mietzahlungen über denen einer Finanzierung liegt. In beiden Fällen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Gegenbewegung.

Einfache, sinnvoll konstruierte Kennzahlen sind nützlich, robust, leicht verständlich – sie funktionieren einfach. Im konkreten Fall wird dem als unpassend abgetanen Preis-Miet-Verhältnis Unrecht getan, enthält es doch implizit sehr wohl die Information über das aktuelle und erwartete Zinsniveau. Richtig ist, dass die Verschuldungssituation in Deutschland bei Weitem nicht solche dramatischen Ausmaße hat, wie das in den USA vor Ausbruch der Finanzkrise der Fall war. Aber zu dieser Feststellung bedarf es (lediglich) der Einordnung der bekannten Daten in den richtigen Kontext.

(Quelle des Fotos: kellycaldwell.ca)