Langfristig liegt die FAS daneben

Es ist wieder Sonntag – und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat zuverlässig nicht nur ein gutes Pfund Papier, sondern auch Diskussionsstoff geliefert:

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Es gäbe so einiges herumzukritteln: die Prozentwerte summieren sich nur auf 99%, die „herumspringenden“ Kreise machen es dem Betrachter nicht gerade leicht, die relevanten Informationen zu erkennen. Und auch die Kategorisierung ist verwirrend bis inkonsequent: „Verlust oder 0 bis 2% Rendite“ versus „mehr als 12% Rendite pro Jahr“ – ersteres wäre auch mit „bis 2% Rendite“ treffend beschrieben, abgesehen davon, dass dieser Fall offenbar ohnehin im Betrachtungszeitraum nie(!) auftritt.

Nur haben die Frankfurter Visualisierungskünstler dieses Mal im Gegensatz zur zuletzt geschürten Griechen-Panik ihre eigene These massiv abgeschwächt.

Schon der erste Blick ließ mich zweifeln, ob hier alles mit rechten Dingen, beziehungsweise: Maßstäben zugeht. Flugs die Durchmesser der roten FAZ-Kreise mit dem Geodreieck ausgemessen – und ihren selbstgebastelten Pendants gegenübergestellt. Diese sind allerdings von der Fläche her proportional zum abgebildeten Prozentsatz und grün gefärbt:

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Ich gehe eigentlich davon aus, dass die FAS ihren Lesern nahelegen will, in Aktien zu investieren, ist doch fast in der Hälfte der Fälle mit immerhin 4 bis 8% Rendite pro Jahr zu rechnen. Wieso sie dann in der Abbildung die Eintrittswahrscheinlichkeit dieses Ereignisses schlechtrechnet, erschließt sich mir nicht ohne weiteres. Es sei denn, die Größe der Kreise hätte außer dem dekorativen Effekt überhaupt keine Bedeutung.

Um nicht immer nur als Miesepeter dazustehen, schenke ich den FAS-Grafikern zum Schluss noch ein Diagramm, dass die Botschaft des Artikels von Christian Siedenbiedel korrekt visualisiert – und auch noch die benutzten Daten in den passenden Kontext setzt:

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(Ich finde, dass meine Darstellung außerdem viel beeindruckender und überzeugender wirkt 🙂 )

FAS verliert die Kontrolle

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung titelt heute im Wirtschaftsteil „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Die Überschrift stellt eine Verbindung zwischen der Halbstarken-Ikone James Dean, dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis und seinem Ministerpräsidenten Alexis Tsipras her. Unabhängig davon, ob man die Gleichsetzung für ein angemessenes Stilmittel hält, nutzen die Verfasser Bollmann und Nienhaus optische Tricks, um den alarmistischen Tenor ihres Stücks zusätzlich zu verstärken:

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Inhaltlich kann man darüber streiten, ob mehr Kredite und höhere Target-Salden einen Kontrollverlust der griechischen Regierung bedeuten. Bislang scheinen Tsipras und Varoufakis mit ihrer Taktik eher die Troika zu kontrollieren, als umgekehrt.

Zwei handwerkliche Fehler aber sind offenkundig. Der erste fällt in die Kategorie „Äpfel & Birnen“: Das rechte und linke Diagramm beschreiben den Zeitraum vom September 2014 bis Januar 2015 – also fünf Monate. Das mittlere Chart hingegen zeichnet die Entwicklung der ELA-Kredite für die vier Wochen(!) vom Februar bis März 2015 nach. Auf welche Phase bezieht sich denn nun der Kontrollverlust Griechenlands? Die Betrachtungszeiträume überlappen sich noch nicht einmal!

Subtiler und von seiner manipulativen Wirkung her bedeutsamer ist jedoch der zweite „Fehler“ – die Anführungszeichen sind bewusst gewählt, geht es doch vordergründig „nur“ um eine darstellerische Variante. Bei näherer Betrachtung fällt nämlich auf, dass die Achse, auf der die Spareinlagen abgetragen sind, unten bei 140 Milliarden Euro abgeschnitten ist: Dadurch wird die Entwicklung der über fast ein halbes Jahr lediglich leicht sinkenden Sparguthaben (-10%) optisch dramatisiert; der Betrachter hat den Eindruck, dass nahezu die kompletten Einlagen abgezogen seien. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, die Skalierung (und die Botschaft) der Realität anzupassen:

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Wieso machen sich Bollmann und Nienhaus nun diese verfälschenden Darstellungen zunutze? Vermutlich, weil sie so schön zur Story passen, wonach Griechenland die Kontrolle verliere. Das ist unseriös und – wenn man das Umfeld der populistisch überhitzten Debatte betrachtet – geradezu unverantwortlich.

Update:

Der Editor-in-Chief Mathias Blumencron hat immer noch nicht verstanden, dass seine Mitarbeiter in ihrer Darstellung schlicht manipulieren. Da ist keine Dynamik bei den Abflüssen, nirgends!

Update II:

Laut Nondas Nicolaides, einem hochrangigen Manager der Rating-Agentur Moody’s, hat der Abfluss von Kundengeldern seit dem 20.Februar sogar nachgelassen.

Update III:

Bei den Target-Verbindlichkeiten ist der Effekt zwar nicht ganz so „entdramatisierend“, immerhin haben sich die Außenstände mehr als verdoppelt. Aber der Verzicht auf ein Abschneiden der Achse und den „dynamischen“ Pfeil entfalten auch hier ihre Wirkung:

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