Von Quoten, Kindern und Hartz IV

Antje Schrupp erklärte kürzlich eindrücklich und sehr stringent, wieso sie keine Kinder bekommen hat. Einer der wirksamsten, wenn auch impliziten Gründe meiner Einschätzung nach ist, dass sie es aus materiellen Gründen nicht musste. Mehrere Jahrzehnte feministischer Diskurs hat im deutschen Alltag tiefe Spuren hinterlassen, unter denen berufliche und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen sicher zu den Highlights zählen. Dieser zivilisatorische Fortschritt wurde jedoch teuer erkauft, so Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung. So seien von den gut anderthalb Millionen alleinerziehenden Müttern laut Bertelsmann-Stiftung fast die Hälfte auf Hartz IV angewiesen.

Was hat das nun mit der Frauenquote zu tun? Eine Menge. Im ersten Schritt lautet die legitime Frage, wozu überhaupt eine Frauenquote dient. Der Verein Pro Quote bringt es ganz pragmatisch auf den Punkt: „Wir sind die Hälfte. Wir wollen die Hälfte“. Das wird von den Initiatoren als logische Konsequenz der Einführung einer Quote bei börsennotierten Unternehmen gesehen. Die Besetzung dieser schätzungsweise mehreren Dutzend Aufsichtsratsposten bedeutet Machtgewinn, also das, was Ökonomen und Managementforscher als den Erwerb von „decision rights“ – Entscheidungsrechten – bezeichnen. Frauen sollen ihre Hälfte des Himmels erhalten.

An dieser Stelle wird es leider schmutzig, denn es muss die Frage beantwortet werden, wem das politische Instrument der Quote nutzt. Die Antwort findet sich zum Teil im vorstehenden Absatz: Den Frauen, die zukünftig in Aufsichtsräte einziehen und dafür vergütet werden. Bei den geschätzten knapp unter 100 Frauen wird also grob geschätzt pro Jahr  ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag nebst Zugangsberechtigung zu Schnittchen und Spesenkonto von der männlichen auf die weibliche Bevölkerung umverteilt. In Zeiten von Multimilliarden-Rettungspaketen eine vernachlässigbare Summe.

Wer profitiert noch? Natürlich diejenigen, die die Quote als Ressource, als Argument im Wahlkampf um die nächste Amtszeit verwenden können: die Politiker der Großen Koalition. Also nochmal ein paar weibliche, aber mehrheitlich eher männliche Abgeordnete.

Ist Ihnen schon etwas aufgefallen? Richtig! Die am Rande des Existenzminimums herumkrebsenden circa 1.500.000 (in Worten: eine Million fünfhunderttausend) Alleinerziehenden haben nichts von alledem. Ihnen bleibt weiter die Last, durch das Unterhaltsrecht spätestens nach drei Jahren neben Kinderbetreuung und Haushalt auch noch einen Job zu bestreiten. Die Entscheidungsrechte, die ihre materiell in aller Regel ohnehin sorgenfreien Geschlechtsgenossinnen hinzugewonnen haben, lassen sich kaum in eine kindertaugliche  Wohnung, Sommerferien am Mittelmeer oder gar Nachhilfeunterricht ummünzen.

Das zu beobachtende Problem rührt aus einem Mechanismus, den Daniel Kahneman sehr erleuchtend in „Schnelles Denken, Langsames Denken“ beschreibt. Er nennt es „Ersetzung“, und meint damit das Phänomen, dass Menschen unbewusst dazu neigen, schwierige Probleme (die gesellschaftliche Emanzipation von Frauen bei gleichzeitiger materieller Gefährdung) über weniger schwierige Ersatzhandlungen zu „lösen“. Anstatt Gleichberechtigung im Sinne materieller Waffengleichheit (Verfügungsrechte über finanzielle Ressourcen) herzustellen, verteilen Politiker lieber (ersatzweise) Entscheidungsrechte um.

Es würde mit großer Sicherheit zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der veröffentlichten und der öffentlichen Meinung führen, würde man konsequent das ursprüngliche Problem zu Ende denken. Die Tatsache, dass Frauen rein biologisch neben dem Potential das Risiko von Schwangerschaft und an ihnen hängenbleibender Erziehungsarbeit  tragen, sollte Anlass für eine entsprechende Kompensation sein. Wobei vermutlich die transaktionskostenoptimale Lösung in einer dramatischen Erhöhung des Kindergelds bestünde.

Das würde richtig viel Geld kosten. Aber eben auch den spezifischen – im Sinne von: biologischen – Besonderheiten des Kleinen Unterschieds Rechnung tragen. Wer will, dass Frauen sowohl materiell unabhängig von Männern leben können und trotzdem bereit sind, Kinder zu gebären, muss ihnen das existenzielle Risiko „abkaufen“.

It Takes Two to Tango

frauen_frauenquote_quotetorte-maas-schwesig-oppermann_spdfraktion_720x360Manu und Heiko haben ein Gesetz gemacht. Der Heiko hat damit ja schon so einige Erfahrung, und er weiß deshalb auch, dass man die Leute bestrafen muss, die sich nicht an die Regeln halten. Das neue Gesetz von Manu und Heiko soll dafür sorgen, dass in Zukunft 30% der Aufsichtsratsmandate großer Unternehmen von Frauen besetzt werden. Wo das nicht passiert, bleibt als Strafe der Platz frei.

Man kann sich jetzt zwei Fragen stellen:

a) Ist es sinnvoll, ein Unternehmen in seiner Handlungsfähigkeit zu beschneiden, weil ein politisches Ziel – aus welchen Gründen auch immer – nicht erreicht wird?

b) Wie werden die betroffenen Unternehmen auf dieses Gesetz reagieren?

Die Antwort auf a) ist Geschmackssache, eine Frage nach persönlichen Werten: Was bin ich bereit, wogegen aufzuwiegen? Welchen Schaden nehme ich in Kauf, um ein Ziel zu erreichen?

Bei b) wird es knifflig: Die beiden Minister denken vermutlich, dass die Vorschriften so erfüllt werden, wie sie sich das gedacht haben. Beispielsweise, dass von sieben Plätzen im Aufsichtsrat demnächst drei von Frauen besetzt werden – oder eben frei bleiben. Wie ist es im Gesetzesentwurf so schön formuliert?

Eine Wahl der Mitglieder des Aufsichtsrats durch die Hauptversammlung und eine Entsendung in den Aufsichtsrat unter Verstoß gegen das Mindestanteilsgebot ist nichtig.

Vorstellbar ist aber auch, dass von den Eigentümern des Unternehmens in der Hauptversammlung einfach mittels Satzungsänderung die Zahl der Mandate um drei erhöht wird, für die sich dann eben ganz zufällig keine Frauen finden.

Ergebnis: Alles wie gehabt. Sieben Männer im Aufsichtsrat. Und drei leere Stühle. Herzlich willkommen an den Schaltstellen der Macht!

(Quelle des Fotos: SPD)