Zen-Design für den Zen-Investor

Bei der Visualisierung von Daten geht es knallhart um Effizienz: In möglichst wenig Zeit soll möglichst viel Information vom Verfasser an den Leser übermittelt werden.

Vermutlich wird der eine oder andere jetzt aufstöhnen: „Immer diese BWLer! Haben die nichts im Kopf außer Kosten und Nutzen? Ich bin doch kein Homo Oeconomicus! Wenn ich mir etwas anschaue, soll es doch auch schön sein – reine Zweckmäßigkeit produziert Schreckliches!“

Und im Hinterkopf hat der Genervte dann vermutlich so Zweckmäßiges wie dieses Parkhaus in Düsseldorf:

parkhaus_ratinger_strasse_duesseldorf

(Quelle: RP Online)

Das ist sicher eine praktische Immobilie, „schön“ wird sie kaum ein Betrachter finden.

Einigermaßen praktisch und nicht ganz so schrecklich ist diese Darstellung, die ich bei Holger Grethe gestohlen habe:

„Eine große Mehrheit (72 Prozent) fährt eine Aktienquote von mindestens 70 Prozent – bezogen auf das ETF-Depot. Die Aktienquote in Relation zum Gesamtvermögen liegt selbstverständlich niedriger (siehe Frage 16).“

Aktienquote

Holger folgt mit seiner Website einem reduktionistischen Ansatz, nennt es „Zen-Investment“. Um dieser Philosophie gerecht zu werden, habe ich obiges Tortendiagramm mit drei simplen Maßnahmen grundlegend überarbeitet.

Schritt 1: Weg mit der Legende!

Die Legende zwingt dazu, mit dem Auge permanent zwischen „Erklärungsbereich“ und „Darstellungsbereich“ zu wechseln. Das kostet Zeit, Konzentration und Nerven. Die wesentlichen Informationen kann man auch direkt in das Diagramm „packen“:

aktienquote_ohne_legende
Voilà! Kein Springen mehr notwendig. Und außerdem müssen viel weniger Informationen verarbeitet werden – das Gehirn entspannt sich bereits spürbar…

Schritt 2: Weg mit der Farbe! Und weg mit dem Speck!

Im ersten Schritt hatte ich durch Weglassen der Legende die Anzahl der Bestandteile des Diagramms reduziert. Aber es gibt weitere Möglichkeiten, die Komplexität zu reduzieren, ohne den Informationsgehalt leiden zu lassen. Verschiedenfarbige Elemente sind zwar vielleicht hübsch anzuschauen, stiften aber keinen Nutzen. Vom farbenblinden Teil der Bevölkerung gar nicht zu sprechen – denen hilft im Übrigen auch eine Legende nix! Ähnliches gilt für das Hervorheben durch „fette“ Schrift: Überflüssig, da nichts hervorgehoben werden soll.

aktienquote_ohne_legende_ohne_farbe

Und schon muss sich unsere Wahrnehmung nicht mehr um das Decodieren von Farben und Schriftstärken kümmern – ein herrliches Gefühl…

Schritt 3: Weg mit dem Tortendiagramm!

Tortendiagramme sind böse. Aber sie sind auch oft schlicht das falsche Instrument, um Strukturen aufzuzeigen. Zumindest, wenn es sich um mehr als zwei Komponenten handelt. Unser Hirn lässt beim Vergleichen das Auge permanent hin- und herspringen, um das Verhältnis der Tortenstücke untereinander einordnen zu können. Besser geeignet sind in diesem Falle Balkendiagramme:

aktienquote_balken

Fertig. Ein Diagramm, das auf einen Blick zeigt, wie hoch der Aktienanteil in den Depots der Umfrageteilnehmer ist. Sofort verständlich, barrierefrei, ohne Schnickschnack oder komplizierte Interpretation. „Zen-Design“, sozusagen.

[update]

Christophs Kommentar folgend, habe ich noch einmal die Design-Schere angesetzt. Ergebnis: Der Inhalt bleibt der selbe, das Äußere ist auf maximales Verständnis getrimmt, der Kopf kann in der Senkrechten bleiben, die Typographie ist harmonisch:

aktienquote_balken_nofill

 

(Literaturtipp und schamlose Eigenwerbung: Zeigen Sie mal! Daten visualisieren in Beruf, Alltag, Studium. Einfach. Richtig. Schön.)

FAS verliert die Kontrolle

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung titelt heute im Wirtschaftsteil „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Die Überschrift stellt eine Verbindung zwischen der Halbstarken-Ikone James Dean, dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis und seinem Ministerpräsidenten Alexis Tsipras her. Unabhängig davon, ob man die Gleichsetzung für ein angemessenes Stilmittel hält, nutzen die Verfasser Bollmann und Nienhaus optische Tricks, um den alarmistischen Tenor ihres Stücks zusätzlich zu verstärken:

DSC_5872 (1)

Inhaltlich kann man darüber streiten, ob mehr Kredite und höhere Target-Salden einen Kontrollverlust der griechischen Regierung bedeuten. Bislang scheinen Tsipras und Varoufakis mit ihrer Taktik eher die Troika zu kontrollieren, als umgekehrt.

Zwei handwerkliche Fehler aber sind offenkundig. Der erste fällt in die Kategorie „Äpfel & Birnen“: Das rechte und linke Diagramm beschreiben den Zeitraum vom September 2014 bis Januar 2015 – also fünf Monate. Das mittlere Chart hingegen zeichnet die Entwicklung der ELA-Kredite für die vier Wochen(!) vom Februar bis März 2015 nach. Auf welche Phase bezieht sich denn nun der Kontrollverlust Griechenlands? Die Betrachtungszeiträume überlappen sich noch nicht einmal!

Subtiler und von seiner manipulativen Wirkung her bedeutsamer ist jedoch der zweite „Fehler“ – die Anführungszeichen sind bewusst gewählt, geht es doch vordergründig „nur“ um eine darstellerische Variante. Bei näherer Betrachtung fällt nämlich auf, dass die Achse, auf der die Spareinlagen abgetragen sind, unten bei 140 Milliarden Euro abgeschnitten ist: Dadurch wird die Entwicklung der über fast ein halbes Jahr lediglich leicht sinkenden Sparguthaben (-10%) optisch dramatisiert; der Betrachter hat den Eindruck, dass nahezu die kompletten Einlagen abgezogen seien. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, die Skalierung (und die Botschaft) der Realität anzupassen:

griechen_vertrauen_ihren_banken

Wieso machen sich Bollmann und Nienhaus nun diese verfälschenden Darstellungen zunutze? Vermutlich, weil sie so schön zur Story passen, wonach Griechenland die Kontrolle verliere. Das ist unseriös und – wenn man das Umfeld der populistisch überhitzten Debatte betrachtet – geradezu unverantwortlich.

Update:

Der Editor-in-Chief Mathias Blumencron hat immer noch nicht verstanden, dass seine Mitarbeiter in ihrer Darstellung schlicht manipulieren. Da ist keine Dynamik bei den Abflüssen, nirgends!

Update II:

Laut Nondas Nicolaides, einem hochrangigen Manager der Rating-Agentur Moody’s, hat der Abfluss von Kundengeldern seit dem 20.Februar sogar nachgelassen.

Update III:

Bei den Target-Verbindlichkeiten ist der Effekt zwar nicht ganz so „entdramatisierend“, immerhin haben sich die Außenstände mehr als verdoppelt. Aber der Verzicht auf ein Abschneiden der Achse und den „dynamischen“ Pfeil entfalten auch hier ihre Wirkung:

targetsalden